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Lentikularglas: Spezialglas für sehr hohe Dioptrien erklärt

Lentikularglas: Spezialglas für sehr hohe Dioptrien erklärt

Wer eine sehr starke Kurz- oder Weitsichtigkeit hat, kennt das Problem: Standard-Brillengläser werden mit jedem Dioptrien-Wert dicker, schwerer und optisch auffälliger. Bei minus 15 Dioptrien etwa wirkt das Auge hinter dem Glas kleiner, bei plus 12 Dioptrien grösser. Hier kommt das Lentikularglas ins Spiel – ein Spezialglas, bei dem nur ein zentraler Bereich die volle dioptrische Wirkung trägt, während der Tragrand möglichst dünn ausläuft. Dieser Ratgeber erklärt, wie Lentikulargläser aufgebaut sind, ab welchen Korrekturwerten sie sinnvoll werden, welche Vor- und Nachteile sie haben und worauf du beim Optiker in der Schweiz achten kannst. ---

Was ist ein Lentikularglas?

Ein Lentikularglas ist ein Brillenglas, bei dem die optische Korrekturwirkung auf einen zentralen, oft runden Bereich beschränkt ist. Drumherum ist das Glas deutlich flacher geschliffen, ohne nennenswerte Brechkraft. Dieser Aufbau erlaubt sehr hohe Plus- oder Minuswerte bei moderatem Gewicht und Dicke [1].

In klassischer Bauweise besteht das Glas aus zwei Bereichen:

  • der wirksamen Optikzone in der Mitte, meist mit einem Durchmesser von rund 25 bis 35 mm,
  • einem dünner geschliffenen Randbereich, der nur die Fassung füllt und keine starke Sehstärke korrigiert.

Bei hohen Pluswerten – etwa nach Entfernung der Augenlinse – wäre ein konventionelles Glas im Zentrum sehr dick und schwer. Beim Lentikularglas wird genau dieser optisch nötige Bereich beibehalten, während der äussere Bereich abgeflacht ist [1]. Bei hohen Minuswerten verhält es sich spiegelbildlich: Statt eines extrem dicken Glasrandes wird der Rand bewusst flach gehalten, das wirksame Konkavprofil bleibt in der Mitte erhalten.


Wann kommen Lentikulargläser zum Einsatz?

Lentikulargläser sind kein Standardprodukt für leichte Sehschwächen. Sie kommen vor allem in folgenden Situationen vor:

  • Aphakie (Linsenlosigkeit): Sehr hohe Plusstärken, nach Entfernung der natürlichen Augenlinse, z. B. bei angeborenem grauem Star ohne Kunstlinsen-Implantation [2].
  • Hochgradige Hyperopie: Rund +8 dpt und mehr, bei starker angeborener oder erworbener Weitsichtigkeit.
  • Hochgradige Myopie: Rund –10 dpt und stärker, bei sehr starker Kurzsichtigkeit, oft kombiniert mit weiteren Sehthemen.
  • Kinderversorgung bei Aphakie: Sehr hohe Plusstärken, wenn Kontaktlinsen nicht möglich oder ergänzend nötig sind [3].

Bei der Aphakie – dem Fehlen der natürlichen Augenlinse – muss eine sehr hohe Plus-Korrektur erfolgen, da die Brechkraft der fehlenden Linse ersetzt werden muss. Universitätskliniken weisen darauf hin, dass Kontaktlinsen in diesen Situationen oft die bevorzugte Lösung sind, weil Brillen die Netzhautbilder spürbar vergrössern und ringförmige Gesichtsfeldausfälle erzeugen können [2]. Lentikulargläser kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn Kontaktlinsen aus medizinischen oder praktischen Gründen nicht in Frage kommen, oder als ergänzende Brille zur Kontaktlinse.

Wichtig: Die Entscheidung für ein Lentikularglas ist kein reines Auswahlthema, sondern eine fachliche Empfehlung. Bei sehr hohen Sehwerten gehört die Versorgung in die Hände von Augenoptiker:innen oder – bei medizinischer Ursache – in die einer Augenärztin oder eines Augenarztes.


Aufbau im Detail: zentrale Optikzone und flacher Rand

Die Form eines Lentikularglases unterscheidet sich deutlich von gängigen Einstärkengläsern.

  • Zentrale Optikzone: rund, mit einem typischen Durchmesser zwischen 25 und 35 mm. Hier entfaltet das Glas die volle Korrekturwirkung. Der Durchblick durch diese Zone ist scharf, die Optik vergleichbar mit einem klassischen Einstärken- oder asphärischen Glas mit hoher Wirkung [1].
  • Flacher Randbereich: ohne wesentliche Brechkraft, dient der Stabilität in der Fassung und reduziert Gewicht.
  • Übergang zwischen den Zonen: sichtbar als kleine Wölbung oder Kante, je nach Schliff und Material.

Diese Bauweise hat Vor- und Nachteile. Die wichtigsten Vorteile und Grenzen im Überblick:

  • Geringeres Gewicht: spürbar weniger Gewicht als ein vergleichbares konventionelles Hochleistungsglas. Im Gegenzug ist das Sichtfeld eingeschränkt – ausserhalb der Optikzone gibt es keine Korrektur.
  • Weniger Vergrösserungs-/Verkleinerungseffekt: weniger ausgeprägter Vergrösserungs- oder Verkleinerungseffekt der Augen. Allerdings ist der Übergang zwischen Optikzone und Rand sichtbar, kosmetisch nicht immer ideal.
  • Hohe Korrektionswerte tragbar: auch hohe Korrektionswerte tragbar (Aphakie, hohe Myopie). Beim seitlichen Blick fehlt jedoch die Korrektur – eine Kopfdrehung statt Augenbewegung ist nötig.
  • Gewichtsschonend in der Kinderversorgung: in der Kinderversorgung gewichtsschonend. Erfordert allerdings eine sorgfältige Zentrierung und Fassungsauswahl.

Für den Tragekomfort ist entscheidend, dass die Optikzone möglichst genau vor der Pupille sitzt. Augenoptiker:innen arbeiten dafür mit präziser Vermessung der Pupillendistanz und der Pupillenhöhe.


Welche Fassung passt zu einem Lentikularglas?

Da die optisch wirksame Zone klein ist, muss die Brillenfassung sorgfältig ausgewählt werden. Bewährt haben sich:

  • Eher kleine, runde oder ovale Fassungen. Die Pupille soll möglichst in der Mitte des Glases liegen, damit der grösste Teil der Sicht durch die Optikzone verläuft.
  • Vollrandfassungen statt rand- oder bohrloser Modelle, weil sie die nötige Stabilität bieten.
  • Gut sitzende Nasensteg- und Bügellösungen, damit die Brille nicht verrutscht und die Optikzone an der richtigen Stelle bleibt.

Sehr grosse modische Fassungen sind bei hohen Plus- oder Minuswerten in der Regel ungeeignet, weil sich Gewicht, Dicke und der Versatz zwischen Optikzone und Auge ungünstig auswirken können. Die optische Anpassung ist hier wichtiger als die rein modische Wahl.


Alternativen zum Lentikularglas

Lentikulargläser sind eine Möglichkeit, hohe Sehwerte zu korrigieren – nicht die einzige. Welche Option im Einzelfall passt, hängt von Augenbefund, Lebenssituation und Verträglichkeit ab.

Kontaktlinsen

Bei sehr hohen Plus- oder Minuswerten und insbesondere bei Aphakie sind Kontaktlinsen häufig die optisch günstigere Lösung. Sie sitzen direkt auf der Hornhaut und führen zu deutlich kleineren Verzerrungs- und Vergrösserungseffekten als eine starke Brille [2]. Spezialisierte Universitätskliniken und Praxen passen Kontaktlinsen bei Aphakie auch bei Säuglingen und Kleinkindern an [2][3]. Voraussetzung sind eine gute Verträglichkeit, sorgfältige Handhabung und regelmässige Kontrollen.

Intraokularlinsen (Kunstlinsen)

Wenn die Aphakie auf einer entfernten Augenlinse beruht (zum Beispiel nach Operation eines grauen Stars), wird heute meist eine Kunstlinse (Intraokularlinse, IOL) ins Auge eingesetzt. Das ist mittlerweile der medizinische Standard bei der Kataraktoperation. In Einzelfällen – etwa bei sehr früher Operation im Säuglingsalter, bestimmten anatomischen Situationen oder Komplikationen – wird zunächst auf eine Kunstlinse verzichtet und mit Brille oder Kontaktlinse korrigiert [3].

Konventionelle Hochindex-Gläser

Für moderate hohe Werte (z. B. ab –6 bis –10 dpt oder +4 bis +8 dpt) reichen oft hochbrechende sphärische oder asphärische Gläser mit einem hohen Brechungsindex (etwa 1.67 oder 1.74). Sie sind dünner und leichter als Standardgläser, aber technisch kein Lentikularglas [1]. Erst wenn auch hochbrechende Gläser optisch oder gewichtsmässig an ihre Grenzen kommen, wird ein Lentikularschliff sinnvoll.

Welche Lösung sich je nach Korrekturbereich anbietet, im Überblick:

  • bis ca. ±6 dpt: Standardgläser oder leicht hochbrechend (1.5–1.6) – meist unauffällig.
  • ca. ±6 bis ±10 dpt: hochbrechende Gläser (1.67–1.74), asphärisch – dünner und leichter, kein Lentikularschliff nötig.
  • ab ca. +8 / –10 dpt aufwärts: Lentikularglas oder Kontaktlinse erwägen – Beratung bei Augenoptik bzw. Augenärzt:in sinnvoll.
  • Aphakie: Kontaktlinse, Intraokularlinse oder Lentikularglas – medizinische Entscheidung im Einzelfall [2].

Was kosten Lentikulargläser in der Schweiz?

Lentikulargläser sind Spezialanfertigungen und werden in der Regel nach individueller Verordnung gefertigt. Konkrete Preisangaben sind seriös nur für den jeweiligen Einzelfall möglich, weil folgende Faktoren stark ins Gewicht fallen:

  • Korrektionswert und Glasdurchmesser
  • Material (Mineralglas oder Kunststoff, Brechungsindex)
  • Beschichtungen (Entspiegelung, Hartschicht, ggf. UV-Schutz)
  • Fassung und individuelle Vermessung
  • Begleitende Leistungen (Augenoptik-Beratung, Zentrierung, Anpassung)

Für eine konkrete Preisrange lohnt sich eine direkte Anfrage bei Augenoptiker:innen in deiner Region. Bei medizinisch begründeter Versorgung – beispielsweise bei Aphakie oder kindlicher Hochkurzsichtigkeit – kann ein Teil der Kosten unter bestimmten Voraussetzungen von der Krankenkasse oder der Invalidenversicherung getragen werden. Die genauen Voraussetzungen sind in der Mittel- und Gegenständeliste (MiGeL) sowie in den IV-Bestimmungen geregelt. Hier hilft ein Gespräch mit deinem Augenarzt oder deiner Augenärztin sowie mit der Krankenkasse weiter.


Worauf solltest du beim Termin achten?

Wenn du wegen einer hohen Sehkorrektur eine Beratung suchst, hilft ein strukturierter Termin:

  • Aktuelles Augenarzt-Rezept oder einen Bericht zur Augensituation mitbringen, falls vorhanden.
  • Frühere Brillen mitnehmen – sie helfen bei der Einschätzung von Sitz, Gewichtsempfinden und Sichtgewohnheiten.
  • Klären, ob Kontaktlinsen eine Option sind: Bei Aphakie und sehr hohen Stärken oft die optisch günstigere Lösung, sofern medizinisch verträglich [2].
  • Probetragen vereinbaren: Wenn möglich, ein Lentikularglas-Muster oder eine Demo-Brille testen.
  • Folgekontrollen einplanen, insbesondere bei Kindern und bei Veränderungen der Sehstärke.

Eine fachliche Einordnung ist gerade bei hohen Korrektionswerten wertvoll, weil sich Optik, Kosmetik und medizinische Aspekte überschneiden.


Beratung und Anbietersuche

Lentikulargläser sind ein Nischenthema, das nicht alle Augenoptiker:innen täglich versorgen. Spezialisierte Fachgeschäfte und Praxen verfügen über die nötige Erfahrung, geeignete Lieferanten und Vermessungstechnik.

Auf truVuna findest du Augenoptiker:innen in deiner Region und kannst Profile, Leistungen und Bewertungen vergleichen. So bekommst du einen ersten Überblick und kannst gezielt nachfragen, ob Erfahrung mit Lentikulargläsern oder sehr hohen Korrektionswerten vorhanden ist.


Häufig gestellte Fragen

Ab wann lohnt sich ein Lentikularglas?

Lentikulargläser sind in der Regel ab etwa +8 Dioptrien bei Weitsichtigkeit oder –10 bis –12 Dioptrien bei Kurzsichtigkeit eine Überlegung wert. Darunter reichen oft hochbrechende Standard- oder asphärische Gläser. Die endgültige Entscheidung trifft die Augenoptikerin oder der Augenoptiker zusammen mit dir auf Basis der konkreten Sehwerte, deiner Tragegewohnheiten und der Verträglichkeit anderer Optionen wie Kontaktlinsen.

Sind Lentikulargläser nur für hohe Plusstärken?

Nein. Lentikulargläser werden sowohl für sehr hohe Plus- als auch für sehr hohe Minusstärken gefertigt. Der Aufbau unterscheidet sich technisch, das Grundprinzip ist aber gleich: Die wirksame Optikzone liegt im Zentrum, der Rand ist dünner geschliffen. Bei extremer Kurzsichtigkeit reduziert das vor allem die Glasdicke am Rand, bei extremer Weitsichtigkeit das Gewicht im Zentrum.

Gibt es Lentikular-Gleitsichtgläser?

Ja, in begrenztem Umfang. Spezialisierte Hersteller bieten Lentikulargläser auch in Bifokal- oder Gleitsichtvarianten an, bei denen ein Nahbereich integriert ist. Diese Versorgungen sind anspruchsvoll und erfordern erfahrene Anpasser:innen sowie eine sorgfältige Fassungswahl. Wenn du auch im Nahbereich starke Korrektur brauchst, sprich gezielt nach diesen Möglichkeiten – sie sind nicht in jedem Fachgeschäft Standard.

Sind Lentikulargläser für Kinder geeignet?

Bei kindlicher Aphakie oder hochgradiger Fehlsichtigkeit werden Lentikulargläser durchaus eingesetzt, weil sie leichter sind als vergleichbare Standardgläser. In vielen Fällen ist allerdings die Kontaktlinse die bevorzugte Lösung, weil sie optische Nebenwirkungen reduziert und das Sehenlernen besser unterstützt [2][3]. Die Entscheidung gehört zu spezialisierten Kinderaugenärzt:innen, idealerweise an einer Klinik mit Erfahrung in Kinder-Augenheilkunde.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?

Bei medizinisch begründeter Versorgung – etwa bei Aphakie oder bestimmten Sehbehinderungen – können Anteile der Kosten von der obligatorischen Krankenversicherung oder bei Kindern durch die Invalidenversicherung übernommen werden. Voraussetzungen und Beträge sind in der Mittel- und Gegenständeliste (MiGeL) sowie in den IV-Bestimmungen geregelt und ändern sich gelegentlich. Eine verlässliche Auskunft erhältst du direkt bei deiner Krankenkasse oder bei der IV-Stelle.


Quellen

[1] OPTIKSCHWEIZ – Fachverband für Augenoptik und Optometrie: Brillen / Brillengläser. https://www.optikschweiz.ch/brillen/ – zu Glas-Bauformen, sphärisch/asphärisch, hochbrechenden Gläsern.

[2] Universitätsklinikum Giessen und Marburg, Augenklinik: Spezialkontaktlinsen / Aphakie. https://www.ukgm.de/ugm_2/deu/umr_aug/11793.html – zur Versorgung bei Aphakie, Vor- und Nachteilen Brille vs. Kontaktlinse, Säuglings- und Kleinkindversorgung.

[3] Universitätsklinik Freiburg, Sektion Neuroophthalmologie und Kinderophthalmologie: Aufklärung und Versorgung bei Aphakie nach kongenitaler Katarakt (PDF). https://www.uniklinik-freiburg.de/fileadmin/mediapool/07_kliniken/augen/NKS/DO_1-2021_Gilles_Aufkla__rung_und_Versorgung_kongenitaler_Katarakt_04.pdf – fachliche Einordnung zur Versorgung kindlicher Aphakie.

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