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Der Begriff Augentraining wird sehr unterschiedlich verwendet. Im Alltag bezeichnet er drei sehr verschiedene Dinge:
Diese drei Bereiche unterscheiden sich grundlegend in ihrer wissenschaftlichen Basis und ihren erreichbaren Effekten. Wer „Augentraining" liest, muss daher zuerst klären, was konkret gemeint ist.
Die kurze, ehrliche Antwort: Nein. Eine refraktive Fehlsichtigkeit – Myopie (Kurzsichtigkeit), Hyperopie (Weitsichtigkeit) oder Astigmatismus (Hornhautverkrümmung) – kann durch klassisches Augentraining nach aktueller Studienlage nicht behoben oder dauerhaft verbessert werden [1].
Die Hintergründe:
Wer Wirkungsversprechen wie „Brille überflüssig durch Augentraining" oder „Kurzsichtigkeit heilen mit Übungen" liest, sollte besonders kritisch sein. Solche Aussagen entsprechen nicht dem heutigen wissenschaftlichen Stand.
Das klassische Augentraining geht auf den amerikanischen Augenarzt William Horatio Bates (1860–1931) zurück. In seinem 1920 erschienenen Buch The Cure of Imperfect Sight by Treatment Without Glasses stellte er die These auf, dass Fehlsichtigkeit durch Verspannungen der äusseren Augenmuskeln entstehe und durch Entspannung und gezieltes Training rückgängig gemacht werden könne.
Bates' Theorie entspricht nicht dem heutigen ophthalmologischen Wissen. Heute gilt:
Trotzdem werden Bates' Ideen in unterschiedlichen Varianten von Sehtrainer:innen weitergegeben. Wer ein Augentraining-Angebot in Anspruch nehmen möchte, sollte kritisch prüfen, welche Wirkungsversprechen gemacht werden und wie diese belegt sind.
Trotz der Skepsis gegenüber den klassischen Bates-Versprechen gibt es Bereiche, in denen gezielte Sehübungen einen nachvollziehbaren Nutzen haben können:
In all diesen Bereichen geht es nicht darum, eine Fehlsichtigkeit zu korrigieren, sondern um die Optimierung von Sehfunktionen oder Sehkomfort. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wer viele Stunden am Bildschirm arbeitet, kennt die Symptome: brennende oder müde Augen, Spannungskopfschmerzen, verschwommene Sicht. Hier helfen einfache Massnahmen tatsächlich – sie können zwar keine Fehlsichtigkeit beseitigen, aber Beschwerden lindern.
Die meistgenannte Empfehlung ist die 20-20-20-Regel, die von augenärztlichen Fachgesellschaften wie der American Academy of Ophthalmology empfohlen wird:
Alle 20 Minuten für mindestens 20 Sekunden auf einen Punkt in etwa 6 Metern Entfernung (20 Fuss) blicken.
Diese kurzen Distanzwechsel entlasten die Akkommodationsmuskulatur und können Beschwerden bei längerer Naharbeit reduzieren [3]. Weitere hilfreiche Massnahmen:
Diese Massnahmen sind keine „Augenmuskel-Übungen", sondern verbessern die Sehbedingungen und den Sehkomfort im Alltag.
Bei diagnostizierten Augenfunktionsstörungen wie Konvergenzschwäche, Akkommodationsstörungen oder bestimmten Formen des latenten Schielens kann ein gezieltes orthoptisches Sehtraining hilfreich sein. Wichtig: Dieses Training
Bei Kindern mit Schwachsichtigkeit (Amblyopie) sind Behandlungsformen wie die Okklusion (Abkleben des stärkeren Auges) oder pharmakologische Penalisation mit Atropin etablierte Therapieformen. Cochrane-Reviews zeigen vergleichbare Effekte beider Verfahren, mit oft besserer Therapietreue bei Atropin [4]. Neuere binokulare Ansätze (etwa Spiele oder Filme, die getrennt für beide Augen präsentiert werden) werden weiter untersucht. Die individuelle Empfehlung erfolgt durch die augenärztliche Praxis.
Während Augentraining nach Bates keine vorbeugende Wirkung gegen Kurzsichtigkeit zeigt, gibt es andere Massnahmen, deren positive Wirkung wissenschaftlich besser dokumentiert ist:
Diese Massnahmen sind kein Ersatz für eine optische Korrektur, können aber das Fortschreiten bei zunehmender Myopie verlangsamen.
Einige Anbieter:innen werben damit, dass mit ihrem Augentraining die Brille überflüssig werde oder Dioptrienwerte reduziert werden könnten. Solche Versprechen entsprechen nicht der aktuellen Evidenz und sollten kritisch hinterfragt werden:
Wer trotzdem Augentrainings-Kurse besuchen möchte, sollte:
Dies gilt besonders für Kinder und Jugendliche: Eine unbehandelte oder unzureichend versorgte Kurzsichtigkeit kann fortschreiten und ist ein bekannter Risikofaktor für spätere Augenerkrankungen wie Netzhautablösung, Glaukom oder makuläre Veränderungen [1].
Statt auf Versprechen zur Heilung von Fehlsichtigkeit zu setzen, lohnt sich der Blick auf bewährte alltägliche Massnahmen:
Diese Massnahmen ersetzen keine Brille, können aber den Sehkomfort spürbar verbessern und helfen, die Augengesundheit langfristig zu erhalten.
Auch wenn Augentraining keine Fehlsichtigkeit korrigiert, gibt es eine Reihe von Übungen, die zur Augenentlastung und zum Sehkomfort beitragen können. Sie ersetzen keine medizinische Behandlung, sind aber harmlos und werden teils auch von Optometrist:innen empfohlen.
Bei Augenermüdung am Bildschirm:
Bei trockenen Augen:
Bei Verspannungen und Müdigkeit:
Diese Übungen sind sanft und sicher und können ergänzend zu professioneller Beratung praktiziert werden. Sie ersetzen aber keine augenärztliche oder optometrische Abklärung bei zunehmenden oder neuen Sehbeschwerden.
Bei Kindern und Jugendlichen ist besondere Sorgfalt geboten: Eine fortschreitende Kurzsichtigkeit sollte zeitnah erkannt und versorgt werden. Augentraining nach Bates ist hier kein Ersatz für eine angemessene augenärztliche oder optometrische Betreuung. Was bei Kindern hilfreich sein kann:
Wenn Kinder über zunehmende Verschwommenheit, Kopfschmerzen oder eine schiefe Kopfhaltung berichten, gehört das in augenärztliche Abklärung – nicht in einen Sehtrainings-Kurs.
Auf truVuna findest du Optiker:innen in deiner Region. Vergleiche Profile, Leistungen und Bewertungen – und frage gezielt nach, ob eine ausführliche Sehprüfung, Beratung zu Augenermüdung am Bildschirm oder eine spezialisierte Beratung zu Myopie-Management angeboten wird. Bei Kindern mit zunehmender Kurzsichtigkeit ist zusätzlich eine augenärztliche Abklärung sinnvoll.
Kann ich meine Kurzsichtigkeit mit Augentraining loswerden?
Nein. Kurzsichtigkeit entsteht durch eine anatomische Konstellation – meist einen zu langen Augapfel – und ist durch Muskelübungen nicht reversibel. Für klassisches Augentraining nach Bates gibt es keine belastbare Evidenz, dass es Kurzsichtigkeit therapeutisch oder vorbeugend beeinflusst. Cochrane-Reviews zur Myopie-Prävention und -Kontrolle stützen vielmehr andere Ansätze, etwa mehr Zeit im Freien sowie – bei fortschreitender Myopie – spezialisierte optische oder medikamentöse Verfahren. Wer kurzsichtig ist, benötigt in der Regel eine optische Korrektur durch Brille oder Kontaktlinsen; eine refraktive Operation kann bei geeigneter Anatomie eine dauerhafte Alternative sein und wird in einer augenärztlichen Voruntersuchung beurteilt.
Hilft Augentraining bei Hornhautverkrümmung?
Nein. Die Hornhaut hat ihre individuelle Form aus anatomischen Gründen. Diese Form lässt sich nicht durch Übungen der äusseren Augenmuskeln verändern. Astigmatismus wird durch torische Brillengläser, torische Kontaktlinsen oder – nach individueller augenärztlicher Beurteilung – durch operative Verfahren korrigiert.
Wer war William Bates und was lehrte er?
William Horatio Bates (1860–1931) war ein amerikanischer Augenarzt, der die These vertrat, Fehlsichtigkeit entstehe durch Verspannungen der äusseren Augenmuskeln und lasse sich durch Entspannung und Übungen heilen. Seine Theorie entspricht nicht dem heutigen ophthalmologischen Wissen. Trotzdem werden Bates' Ideen bis heute von verschiedenen Sehtrainer:innen weitergegeben.
Bei welchen Beschwerden bringen Augenübungen tatsächlich etwas?
Bei Sehbeschwerden durch Bildschirmarbeit (Augenermüdung, trockene Augen), bei diagnostizierten funktionellen Sehstörungen (z. B. Konvergenzschwäche unter orthoptischer Anleitung), bei Schwachsichtigkeit im Kindesalter als Teil einer ärztlichen Behandlung und bei der allgemeinen Entlastung der Augen im Alltag. Bei klassischen Fehlsichtigkeiten wie Myopie oder Hyperopie zeigt klassisches Augentraining hingegen keine nachweisbare Wirkung.
Was ist die 20-20-20-Regel?
Eine einfache Empfehlung für die Augenentlastung bei Bildschirmarbeit: Alle 20 Minuten für mindestens 20 Sekunden auf einen Punkt in etwa 6 Metern Entfernung blicken. Das entlastet die Akkommodationsmuskulatur und reduziert Beschwerden wie Augenermüdung. Sie ersetzt keine Brille, kann aber den Sehkomfort im Alltag deutlich verbessern.
Wie viel Zeit im Freien sollte ein Kind verbringen?
Cochrane-Reviews und Meta-Analysen zeigen, dass mehr Zeit im Freien das Risiko, kurzsichtig zu werden, reduzieren kann. Viele Fachgesellschaften nennen als praktische Orientierung mindestens etwa 2 Stunden pro Tag. Das Tageslicht – nicht die sportliche Aktivität selbst – scheint der entscheidende Faktor zu sein.
[1] American Academy of Ophthalmology (Boyd, K.). Refractive Errors. AAO Eye Health, 2024. https://www.aao.org/eye-health/diseases/refractive-errors
[2] Kido, A., Miyake, M., Tamura, H., et al. (2024). Interventions to increase time spent outdoors for preventing incidence and progression of myopia in children. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 6. CD013549. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD013549.pub2/full
[3] American Academy of Ophthalmology (Turbert, D.). Computers, Digital Devices and Eye Strain. AAO Eye Health, 2024. https://www.aao.org/eye-health/tips-prevention/computer-usage
[4] Li, T., Shotton, K. (2009/aktualisiert). Conventional occlusion versus pharmacologic penalization for amblyopia. Cochrane Database of Systematic Reviews. CD006460. https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD006460.pub2/full
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