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Eine Blutegeltherapie ist ein Verfahren, bei dem medizinische Blutegel zur örtlichen Behandlung auf die Haut gesetzt werden und dort einen kleinen, gezielten Aderlass bewirken [3][4]. Der medizinische Blutegel (Hirudo medicinalis) ist ein im Süsswasser lebender Verwandter des Regenwurms und ernährt sich vom Blut von Säugetieren [5]. Beim Saugen ritzt er die Haut an und gibt dabei ein Sekret ab, das die Blutgerinnung hemmt – dadurch fliesst das Blut während und nach der Behandlung weiter [4][5].
Für therapeutische Zwecke werden Blutegel in zugelassenen Zuchten unter kontrollierten Bedingungen aufgezogen. Ein einzelner Egel wird nur ein einziges Mal an einer Person eingesetzt und danach nicht wiederverwendet, um das Risiko zu verringern, dass Krankheitserreger von einer Person auf eine andere übertragen werden [3]. Die Therapie zählt in der Naturheilkunde zu den sogenannten ausleitenden Verfahren und wird in der Schweiz häufig von Naturheilpraktiker:innen, teils auch von Ärzt:innen angeboten.
Wichtig: Ablauf, Anzahl der Egel, Dauer und Kosten einer Blutegeltherapie können sich je nach Praxis, Ausbildung und Beschwerdebild unterscheiden. Die folgenden Beschreibungen geben eine typische Orientierung wieder – andere Anbieter:innen können einzelne Schritte anders gestalten.
Die Wirkung der Blutegeltherapie wird auf das Zusammenspiel von mehreren Faktoren zurückgeführt: den Saug- und Bissreiz, den kleinen örtlichen Aderlass und vor allem die Wirkstoffe im Speichel des Egels [4][5]. Der Egelspeichel enthält zahlreiche biologisch aktive Substanzen. Untersuchungen zeigen, dass dabei rund 20 Einzelsubstanzen in einer Menge in die Wunde gelangen, die theoretisch eine Wirkung entfalten könnte [5].
Die bekannteste dieser Substanzen ist Hirudin, das die Blutgerinnung hemmt. Hirudin und verwandte Stoffe sind so gut untersucht, dass gerinnungshemmende Wirkprinzipien daraus auch in der konventionellen Medizin eine Rolle spielen [4]. Daneben enthält der Speichel weitere Substanzen, denen entzündungshemmende und schmerzlindernde Eigenschaften zugeschrieben werden [4][42]. Wie genau diese Stoffe im Zusammenspiel die berichtete Schmerzlinderung bewirken, ist bislang nicht abschliessend geklärt.
Am häufigsten kommt die Blutegeltherapie bei schmerzhaften Gelenkbeschwerden zum Einsatz, allen voran bei Kniearthrose (Gonarthrose) und bei Arthrose des Daumensattelgelenks (Rhizarthrose) [1][2]. Auch bei Beschwerden wie einem Tennis- oder Golferellbogen (Epicondylitis) wurde sie in Studien untersucht [3].
Traditionell wird die Methode darüber hinaus bei einer Vielzahl weiterer Beschwerden angewendet, etwa bei rheumatischen Beschwerden, chronischen Entzündungen, Beschwerden im Bereich von Venen und Lymphe oder bei Kopfschmerzen. Für diese Anwendungsgebiete ist die Studienlage allerdings deutlich dünner als für die Gelenkarthrose – hier stützt sich die Anwendung vor allem auf Erfahrung und Tradition [3].
Einen festen Platz hat die Blutegeltherapie zudem in der modernen Medizin: In der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie werden Blutegel als anerkanntes Verfahren eingesetzt, um nach Operationen – etwa nach Gewebe- oder Hautlappentransplantationen – einen gestörten venösen Blutabfluss zu verbessern und das Gewebe zu entlasten [4].
Gut zu wissen: Dass Blutegel in spezialisierten Spitalabteilungen der plastischen Chirurgie verwendet werden, ist eine andere Anwendung als die naturheilkundliche Behandlung von Gelenkschmerzen. Beides nutzt zwar dieselben Tiere, beruht aber auf unterschiedlicher Zielsetzung und unterschiedlicher Evidenz [4].
Am besten untersucht ist die Blutegeltherapie bei Kniearthrose, wo mehrere kontrollierte Studien und Übersichtsarbeiten auf eine kurzfristige Schmerzlinderung und eine Verbesserung der Beweglichkeit hindeuten. Eine randomisierte kontrollierte Studie konnte zeigen, dass eine einmalige Behandlung mit Blutegeln die Beschwerden bei Kniearthrose im Vergleich zu einer örtlichen Schmerzsalbe deutlich verringerte [1]. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse fand für die Kniearthrose Hinweise auf eine Reduktion von Schmerz, Funktionseinschränkung und Gelenksteifigkeit, betonte aber zugleich die geringe Zahl an Studien und den Bedarf an weiterer, hochwertiger Forschung [2]. Eine spätere Metaanalyse kam zu vergleichbaren Ergebnissen mit einer messbaren Verbesserung über mehrere Wochen [44].
Für viele weitere traditionelle Anwendungsgebiete ist die Datenlage hingegen heterogen oder bislang unzureichend [3]. Das bedeutet nicht, dass die Methode dort wirkungslos wäre – es heisst lediglich, dass belastbare Studien fehlen und sich die Anwendung stärker auf Erfahrung stützt. Viele Anwender:innen berichten von einer spürbaren Linderung, teils schon während der Behandlung. Wer die Therapie ergänzend nutzen möchte, sollte sie als unterstützende Massnahme verstehen; eine notwendige medizinische Behandlung ersetzt sie nicht.
Eine Blutegelbehandlung beginnt mit einem Beratungs- und Anamnesegespräch, in dem die behandelnde Person Beschwerden, Vorerkrankungen und mögliche Gegenanzeigen klärt. Häufig wird vorab geprüft, ob etwa eine Blutarmut oder eine Blutgerinnungsstörung gegen die Behandlung spricht. Typischerweise läuft eine Sitzung so ab:
Plane für eine Sitzung inklusive Vor- und Nachbereitung ausreichend Zeit ein – oft sind es ein bis zwei Stunden oder mehr.
Der Biss eines Blutegels wird meist nur als kurzer, leichter Reiz empfunden und am ehesten mit einem Mückenstich verglichen. Der Egel ritzt die Haut mit feinen Zähnchen an und gibt dabei betäubende Substanzen ab, weshalb der eigentliche Biss in der Regel kaum schmerzt [42]. Viele Menschen spüren vor allem den ersten Moment des Ansaugens, danach lässt die Empfindung meist nach. Manche berichten in den Tagen nach der Behandlung über ein leichtes Spannungsgefühl oder Juckreiz an der Bissstelle – dazu mehr im nächsten Abschnitt.
Nach einer Blutegeltherapie treten häufig leichte, meist vorübergehende Reaktionen auf – ernstere Komplikationen sind seltener, aber möglich. Zu den häufigen, in der Regel harmlosen Begleiterscheinungen gehören eine leichte Schwellung und Rötung rund um die Bissstelle, ein Juckreiz über einige Tage sowie kleine Blutergüsse [31]. Die Bissstellen verheilen meist innerhalb einiger Wochen; in seltenen Fällen können kleine Narben oder Verfärbungen der Haut zurückbleiben [31].
Weil die Wunde nachblutet, kann es zu einer stärkeren oder länger anhaltenden Nachblutung kommen. Direkt nach der Behandlung ist zudem ein vorübergehendes Absinken des Blutdrucks mit Kreislaufschwäche möglich [31]. Ein wichtiger Punkt sind Wundinfektionen: Durch Aufkratzen der juckenden Stelle oder über Keime aus dem Verdauungstrakt des Egels (insbesondere Aeromonas-Bakterien) kann sich die Wunde entzünden [3][31]. Solche Infektionen sind selten, müssen aber gegebenenfalls ärztlich, etwa mit Antibiotika, behandelt werden. Kratze die Bissstellen deshalb nicht auf und halte dich an die Hinweise zur Wundpflege.
Sicherheitshinweis: Wenn sich die Bissstelle in den Tagen nach der Behandlung stark rötet, anschwillt, überwärmt oder schmerzt, Eiter austritt oder Fieber hinzukommt, können das Anzeichen einer Wundinfektion sein. Lass solche Beschwerden dann ärztlich abklären. Auch eine Nachblutung, die nicht zur Ruhe kommt, gehört in fachliche Hände.
Nicht geeignet ist die Blutegeltherapie unter anderem für Menschen, die blutverdünnende Medikamente einnehmen, an einer Blutarmut oder Blutgerinnungsstörung leiden, ein geschwächtes Immunsystem haben sowie für Schwangere [3]. Auch bei Diabetes ist Vorsicht geboten, da die Wundheilung beeinträchtigt sein kann. Diese Einschränkungen ergeben sich vor allem aus der gerinnungshemmenden Wirkung und der nachfolgenden Wunde.
Bei bestehenden Erkrankungen, regelmässiger Medikamenteneinnahme oder unklarer Beschwerdeursache solltest du vor einer Behandlung ärztlich abklären lassen, ob die Methode für dich infrage kommt. Das gilt besonders, wenn du gerinnungshemmende Mittel wie Acetylsalicylsäure (ASS) oder andere Blutverdünner einnimmst – diese dürfen nicht eigenmächtig abgesetzt werden, sondern nur in Rücksprache mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Die Blutegeltherapie ist als ergänzende Massnahme zu verstehen und ersetzt keine notwendige medizinische Behandlung. Bei starken, anhaltenden oder unklaren Beschwerden steht die ärztliche Abklärung an erster Stelle.
Die Kosten für eine Blutegeltherapie liegen in der Schweiz pro Sitzung typischerweise zwischen rund CHF 100 und 260, wobei die Behandlung oft pauschal oder nach Zeitaufwand abgerechnet wird. Hinzu kommen die einzeln verrechneten Blutegel, die meist mit etwa CHF 13.50 bis 20 pro Tier zu Buche schlagen. Da pro Sitzung häufig mehrere Egel eingesetzt werden, ergeben sich je nach Anzahl der Tiere und Dauer der Behandlung in der Praxis häufig Gesamtkosten von etwa CHF 150 bis 350.
Die genauen Preise hängen von der Praxis, dem Aufwand und der Anzahl der benötigten Egel ab. Eine verbindliche Auskunft erhältst du am besten im Beratungsgespräch. In der Schweiz wird die Blutegeltherapie von manchen Zusatzversicherungen über die Methode «Ausleitende Verfahren» mitgetragen, sofern die behandelnde Person entsprechend anerkannt ist (zum Beispiel über eine Registrierung beim EMR). Ob und in welchem Umfang Kosten übernommen werden, klärst du am besten vorab mit deiner Krankenkasse. Eine solche Kostenbeteiligung ist eine versicherungstechnische Regelung und sagt für sich genommen nichts über die Wirksamkeit bei einer bestimmten Beschwerde aus.
Die Blutegeltherapie ist ein Eingriff, der eine sorgfältige Vorabklärung, hygienisches Arbeiten und eine fachgerechte Wundversorgung erfordert. Eine gute Anbieter:in nimmt sich Zeit für Anamnese und Aufklärung, klärt mögliche Gegenanzeigen ab und erklärt dir Ablauf, Nachsorge und Risiken verständlich. Skeptisch werden solltest du bei Heilversprechen, garantierten Ergebnissen, Aussagen über die Heilung schwerer Erkrankungen wie Krebs oder bei Druck zu teuren Behandlungspaketen – seriöse Anbieter:innen kommunizieren realistisch und ohne überzogene Erwartungen.
Wenn du eine Behandlung in Betracht ziehst, hilft ein Vergleich verschiedener Angebote. Auf truVuna findest du Anbieter:innen in deiner Region. Vergleiche Profile, Leistungen und Bewertungen und kontaktiere passende Anbieter:innen direkt für ein Beratungsgespräch.
Wie viele Sitzungen sind nötig?
Die Anzahl der Sitzungen hängt von der Beschwerde und vom individuellen Verlauf ab und wird gemeinsam mit der behandelnden Person festgelegt. Bei akuten Beschwerden reicht manchmal eine einzelne Behandlung, während bei chronischen Beschwerden mehrere Sitzungen über einen längeren Zeitraum sinnvoll sein können. Eine pauschale Zahl lässt sich nicht nennen – sie sollte sich am Befund und am Ansprechen orientieren.
Werden die Blutegel mehrfach verwendet?
Nein, ein medizinischer Blutegel wird nur ein einziges Mal an einer Person eingesetzt. Danach wird er nicht wiederverwendet, um zu verhindern, dass über das aufgenommene Blut Krankheitserreger von einer Person auf eine andere übertragen werden [3]. Für die Therapie werden die Tiere eigens in zugelassenen Zuchten unter kontrollierten Bedingungen aufgezogen.
Wie lange blutet die Wunde nach?
Eine leichte Nachblutung ist gewollt und gehört zur Behandlung dazu. Sie kann je nach Stelle und Person mehrere Stunden, in einzelnen Fällen länger anhalten, weil die Wirkstoffe im Egelspeichel die Blutgerinnung hemmen [5]. Die Bissstelle wird deshalb mit einem saugfähigen Verband versorgt. Wenn eine Nachblutung gar nicht zur Ruhe kommt oder dich beunruhigt, wende dich an die behandelnde Person oder ärztliche Hilfe.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
Einige Zusatzversicherungen können einen Teil der Kosten über die Methode «Ausleitende Verfahren» übernehmen, sofern die behandelnde Person entsprechend anerkannt ist. Aus der obligatorischen Grundversicherung wird die Behandlung in der Regel nicht vergütet. Ob und wie viel deine Versicherung übernimmt, klärst du am besten direkt mit deiner Krankenkasse, bevor du eine Behandlung beginnst.
[1] Michalsen A, Klotz S, Lüdtke R, Moebus S, Spahn G, Dobos GJ, 2003, Effectiveness of Leech Therapy in Osteoarthritis of the Knee: A Randomized, Controlled Trial, Annals of Internal Medicine 139(9):724–730, https://www.acpjournals.org/doi/10.7326/0003-4819-139-9-200311040-00006
[2] Lauche R, Cramer H, Langhorst J, Dobos G, 2014, A Systematic Review and Meta-Analysis of Medical Leech Therapy for Osteoarthritis of the Knee, The Clinical Journal of Pain 30(1):63–72, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23446069/
[3] Hosseini M, Jadidi A, Derakhshan Barjoei MM, Salehi M, 2024, Applications of leech therapy in medicine: a systematic review, Frontiers in Medicine 11:1417041, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39351007/
[4] Lemke S, Vilcinskas A, 2020, European Medicinal Leeches – New Roles in Modern Medicine, Biomedicines 8(5):99, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32349294/
[5] Medizinischer Dienst, IGeL-Monitor, Blutegeltherapie bei Kniearthrose, https://www.igel-monitor.de/igel-a-z/igel/show/blutegeltherapie-bei-kniearthrose.html
[42] Wang H, Zhang J, Chen L, 2018, The efficacy and safety of medical leech therapy for osteoarthritis of the knee: A meta-analysis of randomized controlled trials, International Journal of Surgery 54(Pt A):53–61, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1743919118307210
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