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Der Begriff Visus stammt aus dem Lateinischen („Sehen", „Anblick") und bezeichnet die räumliche Auflösungsfähigkeit des Auges. Konkret: Wie nahe können zwei Punkte beieinander liegen, damit das Auge sie noch als getrennt erkennen kann [1]?
In der Augenheilkunde wird der Visus traditionell als Dezimalzahl angegeben. Die Bezugsgrösse ist der „normale" Visus von 1,0 – das entspricht der Fähigkeit, einen Sehzeichen-Wert auf einer standardisierten Sehtafel aus einer definierten Entfernung zu erkennen.
Ein paar Beispielwerte:
In manchen Ländern – vor allem in den USA – wird der Visus als Bruch angegeben (zum Beispiel 20/20 oder 6/6). Das bedeutet: Die Person erkennt aus 20 Fuss (bzw. 6 m) das, was eine normalsichtige Person aus 20 Fuss erkennt. „20/20-Vision" entspricht damit etwa dem Visus 1,0 [1].
Die klassische Methode der Visus-Bestimmung sind Sehtafeln mit Optotypen – speziell genormten Sehzeichen. Die bekanntesten sind:
Die untersuchte Person sitzt in einer definierten Entfernung (meist 4–6 Meter) vor der Tafel und nennt die Symbole. Die kleinste Grösse, die noch korrekt erkannt wird, ergibt den Visus-Wert.
Der Test erfolgt:
Die Unterscheidung ist wichtig: Ohne Korrektur misst man die natürliche Sehschärfe, mit Korrektur den bestkorrigierten Visus – ein wichtiger Wert in der medizinischen Diagnostik.
Diese beiden Begriffe werden im Alltag oft verwechselt, bedeuten aber unterschiedliche Dinge:
Wer kurzsichtig ist mit −2,50 dpt, hat ohne Brille einen reduzierten Visus (oft 0,1 bis 0,3) – mit der passenden Brille meist 1,0. Die Sehstärke (Dioptrienwert) bleibt gleich, der Visus verbessert sich durch die Korrektur.
Anders gesagt: Die Sehstärke gibt die Linsenwerte für die Korrektur an, der Visus zeigt das tatsächliche Ergebnis des Sehens.
Visus-Werte sind individuell und nicht starr zu interpretieren. Einige Orientierungswerte:
Nach internationaler Klassifikation wird eine Sehbeeinträchtigung unter anderem anhand des bestkorrigierten Visus auf dem besseren Auge eingeteilt [4]. Die genauen Schwellenwerte unterscheiden zwischen Sehbehinderung, schwerer Sehbehinderung und Blindheit und sind kontextabhängig (medizinische Klassifikation, IV-Ansprüche, Verkehrsbehörden). Für rechtliche Ansprüche in der Schweiz gelten zusätzlich die Vorgaben der zuständigen Stellen.
Für den Führerausweis in der Schweiz gelten in der Verkehrszulassungsverordnung (VZV, Anhang 1) klar definierte Visus-Anforderungen [3]:
Falls die Mindestwerte mit blossem Auge nicht erreicht werden, ist eine Korrektur mit Brille oder Kontaktlinsen möglich; im Führerausweis wird dann die Tragpflicht (Code 01) eingetragen [3]. Daneben werden auch Gesichtsfeld, Dämmerungssehen und Blendempfindlichkeit beurteilt. Berufsmässige Personentransporte sowie Lastwagen- und Bus-Kategorien erfordern zusätzlich periodische verkehrsmedizinische Kontrollen.
Der Visus ist nicht nur eine starre Eigenschaft des Auges. Verschiedene Faktoren spielen mit:
Physiologische Faktoren:
Pathologische Faktoren:
Funktionelle Faktoren:
Wenn der Visus auch mit optimaler Korrektur unter bestimmten Schwellen liegt, spricht man von Sehbehinderung. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt folgende Einteilung [4]:
In der Schweiz unterstützen Beratungsstellen wie der Schweizerische Zentralverein für das Blindenwesen (SZB) Menschen mit Sehbeeinträchtigung mit Beratung, Hilfsmitteln und Vermittlung von Leistungen aus der Invalidenversicherung (IV) [6].
Wenn der Visus reduziert ist, gibt es je nach Ursache verschiedene Wege zur Verbesserung:
Bei zunehmend oder plötzlich reduziertem Visus ist eine augenärztliche Abklärung wichtig – einige Ursachen sind behandelbar, andere müssen rechtzeitig erkannt werden, um Folgeschäden zu vermeiden.
Die obligatorische Grundversicherung übernimmt die augenärztliche Visus-Prüfung als ambulante medizinische Leistung, abzüglich Franchise und Selbstbehalt. Brillen für Erwachsene sind in der Grundversicherung in der Regel nicht gedeckt, ausser bei eng definierten medizinischen Indikationen.
Für Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Altersjahr sieht die Mittel- und Gegenständeliste (MiGeL) gemäss aktueller Regelung und auf ärztliche Verordnung einen Beitrag von bis zu CHF 180.– pro Jahr für Brillengläser oder Kontaktlinsen vor [7]. Die konkreten Voraussetzungen und Beträge sollten vor dem Kauf direkt mit Krankenkasse, Augenärzt:in oder Optiker:in abgeklärt werden.
Bei dauerhafter Sehbehinderung können die Invalidenversicherung (IV) und teilweise Zusatzversicherungen Beiträge an Sehhilfen, Hilfsmittel und Beratung leisten [6].
Die systematische Messung der Sehschärfe geht auf den niederländischen Augenarzt Herman Snellen (1834–1908) zurück. 1862 stellte er seine bekannten Snellen-Tafeln mit Buchstaben in stufenweise abnehmender Grösse vor. Diese Tafeln werden bis heute weltweit verwendet, oft in leicht modifizierter Form.
Eine wichtige Weiterentwicklung sind die Landolt-Ringe, die der Schweizer Augenarzt Edmund Landolt (1846–1926) entwickelte. Sie bestehen aus einem Ring mit einer Öffnung in einer von acht möglichen Richtungen und sind heute der internationale Standard, weil sie unabhängig von Buchstabenkenntnis und Sprache funktionieren. In der Schweiz und der EU ist der Landolt-Ring nach ISO 8596 der genormte Optotyp für klinische Sehtests [2].
Die heutige Visus-Messung kombiniert oft klassische Sehtafeln mit computergestützten Sehprüfgeräten, die einzelne Sehzeichen elektronisch projizieren oder anzeigen. Bei Spezialdiagnostik kommen auch automatisierte Tests zum Einsatz.
Neben dem klassischen „Visus für die Ferne" gibt es weitere wichtige Sehfähigkeits-Werte:
Besonders der Dämmerungsvisus und das Kontrastsehen sind im Strassenverkehr und bei nächtlicher Tätigkeit entscheidend. Auch hier kann eine Brille mit speziellen Beschichtungen (Entspiegelung, Kontrastfilter) Verbesserungen bringen.
Online-Sehtests und Apps versprechen eine schnelle Einschätzung der Sehschärfe – sie können erste Hinweise geben, ersetzen aber keine fachliche Untersuchung. Ihre Grenzen:
Wer auffällige Veränderungen bemerkt, sollte zu Optometrist:in oder Augenärzt:in gehen. Eine professionelle Refraktion misst nicht nur den Visus, sondern auch die Augengesundheit insgesamt.
Wenn du eine umfassende Visus-Prüfung, eine Brillen- oder Kontaktlinsenanpassung oder eine Vorsorgeuntersuchung suchst, lohnt sich der Vergleich verschiedener Anbieter in deiner Region. Auf truVuna findest du Optiker:innen in deiner Region. Vergleiche Profile, Leistungen und Bewertungen – und frage gezielt nach, ob eine Refraktion, optometrische Sehprüfung oder weiterführende Abklärung angeboten wird.
Was bedeutet Visus 1,0?
Visus 1,0 entspricht der „normalen" Sehschärfe. Wer einen Visus von 1,0 hat, erkennt aus 5 oder 6 Metern Entfernung die definierten Sehzeichen einer Standardtafel scharf. Manche Menschen haben einen Visus von 1,2 oder höher – das ist eine überdurchschnittlich gute Sehleistung. In den USA wird der gleiche Wert als „20/20-Vision" angegeben.
Was bedeutet ein Visus von 0,5?
Ein Visus von 0,5 bedeutet, dass nur die halbe normale Sehschärfe erreicht wird. Im Alltag wirkt das deutlich verschwommen, vor allem beim Lesen oder beim Erkennen von Gesichtern auf Distanz. In der Schweiz ist ein Visus von mindestens 0,5 auf dem besseren Auge (und 0,2 auf dem schlechteren Auge) die Mindestanforderung für den Personenwagen-Führerausweis.
Was ist der Unterschied zwischen Visus und Dioptrien?
Der Visus beschreibt die tatsächliche Sehschärfe (zum Beispiel 1,0 oder 0,5). Die Dioptrien geben an, welche Linsenstärke nötig ist, um eine Fehlsichtigkeit auszugleichen (zum Beispiel −2,50 oder +1,75 dpt). Eine kurzsichtige Person hat ohne Brille einen niedrigen Visus, mit der passenden Korrektur aber meistens 1,0.
Wie wird der Visus gemessen?
Mit standardisierten Sehtafeln in definierter Entfernung – meist 4 bis 6 Meter. Die Person nennt Buchstaben (Snellen), Landolt-Ringe oder E-Haken, und der Visus wird aus der kleinsten noch erkannten Zeichengrösse ermittelt. Der Test wird monokular (jedes Auge einzeln) und mit oder ohne Korrektur durchgeführt.
Wann gilt man als sehbehindert?
Eine Sehbehinderung im engeren Sinne liegt vor, wenn der Visus mit bester Korrektur unter 0,3 fällt. Hochgradige Sehbehinderung beginnt unter 0,1, Blindheit im Sinne der internationalen WHO-Klassifikation unter 0,05. Diese Schwellen sind von der Weltgesundheitsorganisation festgelegt; in der Schweiz unterstützen verschiedene Stellen wie der SZB Betroffene mit Beratung und Hilfsmitteln.
[1] Boyd K. Visual Acuity: What is 20/20 Vision? American Academy of Ophthalmology, 2024. https://www.aao.org/eye-health/tips-prevention/visual-acuity-20-20-vision
[2] International Organization for Standardization (ISO): ISO 8596:2017 – Ophthalmic optics – Visual acuity testing – Standard and clinical optotypes and their presentation. https://www.iso.org/standard/69042.html
[3] Bundesamt für Strassen (ASTRA) / Verkehrszulassungsverordnung VZV, Anhang 1: Medizinische Mindestanforderungen. SR 741.51. https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1976/2423_2423_2423/de
[4] World Health Organization (WHO): Blindness and vision impairment – Fact Sheet, 2023. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/blindness-and-visual-impairment
[5] Wolffsohn JS, Davies LN. Presbyopia: Effectiveness of correction strategies. Progress in Retinal and Eye Research, 2019. Aston University, School of Optometry. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30448730/
[6] Schweizerischer Zentralverein für das Blindenwesen (SZB): Beratung und Hilfsmittel für Menschen mit Sehbeeinträchtigung. https://www.szb-vbz.ch/
[7] Bundesamt für Gesundheit (BAG): Mittel- und Gegenständeliste (MiGeL) – Kapitel 25 "Sehhilfen". Offizielle Schweizer Verordnung des EDI nach Art. 33 KVG. https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/versicherungen/krankenversicherung/krankenversicherung-leistungen-tarife/Mittel-und-Gegenstaendeliste.html
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